Abend-Lied

Friedrich Rudolf Ludwig von Canitz

Abend-Lied

1.
Es ist, o Mensch, heut abermal
Ein Tag von deiner Jahre Zahl
Verflogen und in Nichts verwandelt:
Du näherst dich zu deiner Gruft,
und zu der Stimme, die dir ruft:
Tu Rechnung, wie du hast gehandelt!

2.
Wer aber gibt dir Sicherheit,
Daß morgen noch, um diese Zeit,
Du dieses Leben wirst genießen?
GOTT kennt und ordnet, was geschieht,
Vielleicht ist man alsdann bemüht,
Dich in vier Bretter einzuschließen.

3.
Die Zeit rückt unvermerkt heran,
In der dein Nachbar sagen kann
Von dir: Auch dieser ist verschieden.
Weil du nun nicht die Stunde weißt,
Wohlan, so rüste deinen Geist,
Daß er hinfahren mag in Frieden.

[Canitz (1654-1699) stand als Diplomat im Dienst des Kurfürsten von Brandenburg. 1681 hatte er seine erste Frau geheiratet, die 1695 starb. Seine Gedichte erschienen gesammelt erst 1700 unter dem Titel "Neben-Stunden unterschiedener Gedichte".]

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