rbb - Landschleicher

Der im Jahre 1942 auf der Krim schwerverwundete (Beinamputation) Pädagogikstudent Emil Weber (geb. 1921) war am 20.1.1945 beim Näherrücken der Front aus seinem Studienort Posen nach Dornau zurückgekehrt und erlebte dort den Einzug der Roten Armee und der sie begleitenden polnischen Streitkräfte.

Emil Weber
Aurith, Schwiebus, Züllichau
Gerüchte, Krankheit/ mediz. Versorgung, Massengrab, Sowj. Besatzung bis 1949, Vergewaltigung, Zweiter Weltkrieg

Züllichau, um 1912

21.4. Durch das Entgegenkommen des polnischen Kommandanten Quasne ist es mir möglich, meine arg geschrumpften Medikamentenbestände in Schwiebus aufzufüllen. Mit einer Kutsche fahren wir den altbekannten Weg; außer der Frau des Kommandanten sind noch Herr Wendlandt (Pole) und drei geschlechtskranke Mädchen von der Partie. Rentschen, das Nachbardorf von Dornau, zeigt noch sehr stark das Bild der Kämpfe von Anfang Februar. Mehrere Gehöfte sind ausgebrannt, auf der Straße stehen zerschossene Autos, in der Sandgrube sollen 160 Tote liegen.

Unterwegs überholen wir eine 24 Fahrzeuge umfassende Gespannkolonne der Roten Armee. Die requirierten deutschen Pferde können mit dem Trab der kleinen Russenponys kaum Schritt halten. Schwiebus ist eine tote Stadt. Durch die Straßen schleichen ein paar alte Männer und Frauen. Sonst sieht man nur Polen und Russen in Uniform. Einige Autos fahren, vollbeladen mit Matratzen, an uns vorbei. An einer anderen Stelle werden Möbel verpackt und ein Blüthner-Flügel transportiert. Den Schutt und den Dreck der Straßen hat man durch die zerschlagenen Schaufenster in die Läden "geräumt". Auf dem Rathaus wehen die sowjetische und polnische Flagge. Weitere Stangen zum Aufhängen von Fahnen werden aufgerichtet.

Mit Frau Quasne durchwühle ich die Scherben und den Schmutz in der Neuen Apotheke und finde tatsächlich noch Dinge - unversehrte Medikamente und Verbandsmaterial - die mir in meiner Funktion als "Notarzt" von Wert sind. In der Drogerie nebenan haben wir das gleiche Glück.
Bei dem alten Dr. Büscher herrscht Hochbetrieb. Geschlechtskrankheiten stehen oben an. Die russischen Offiziere schicken ihre Burschen! Zwei Jungs einer Frau aus Aurith, die jetzt in Seeläsgen wohnt, haben sich beim Spielen mit Sprengmunition die Hände verletzt.

Am Abend wird der alte Paechnatz abgeholt, weil er angeblich Parteigenossen gewesen sein soll. Die tollsten Gerüchte gehen deswegen um.
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